Krieg in Europa

Wir berichten von Menschen, nicht von Kriegstreibern

Die Invasion der Ukraine auf Befehl Wladimir Putins begann am 24. Februar. Der Krieg in Europa hat schon 2014 begonnen – wie alle Ukrainer wissen. Seperatisten haben sich zu selbsternannten Führern in Donezk und Luhansk ernannt – von Russland unterstützt.

Seit dem 24. Februar 2022 aber weiß auch der Westen, dass Krieg ist. Was genau dort passiert, welche Hintergründe es gibt, wie die Informationsschlachten geschlagen werden, kann man an vielen Stellen lesen. Wir als Deutsche Bücherei in Nordschleswig können wenig beitragen, aber was wir können, wollen wir tun. Unsere Kernkompetenz ist – neben der Vermittlung von Lesefertigkeiten – die Wissensvermittlung – auf der Grundlage von Fakten.

Aus unserem Kolleginnenkreis haben wir persönliche Verbindungen zu Menschen in Russland, in der Ukraine, in Belarus. Von ihnen wollen wir berichten. . Wir wollen einen kleinen Einblick in das Leben von Menschen geben, die jetzt im Krieg leben. Wir kennen den Krieg nicht, aber meine 91-jährige Mutter, die aus der Gegend um Bad Düben stammt. „Es ist wie bei Hitler“ waren ihre Worte am 24. Und aus den Worten sprach Angst.

Wir tun, was wir können. Wir informieren. Wir stehen auf der Seite der Menschen, nicht der Kriegstreiber.

Claudia Knauer

Büchereidirektorin, Verband Deutscher Büchereien Nordschleswig.

Und hier ist die erste Erzählung:

Aus dem frühen Leben, als noch kein Krieg war. Foto: privat

Chatprotokoll aus einem privaten Chat im Viber, 3. und 4. März 2022

Ira, 51 Jahre, drei Kinder

Kiew

Ich bin Ärztin, Kinderanästhesistin und Neonatalspezialistin. Ich arbeite in einer großen privaten Entbindungsklinik in Kiew. Nach einem sehr intensiven Arbeitstag am 22. Februar – es wurden während meines Dienstes 14 Kinder geboren – sah ich drei entspannten Tagen voller Erholung entgegen, gemäß meinem Dienstplan.

Aber dann passierte, was passierte

Am 24. Februar änderte sich das Leben, floss plötzlich, oder besser gesagt, stürmte in eine neue unbekannte Richtung.

Und in der Tat ist das Schlimmste in einer solchen Situation nicht, dass dein eigenes Leben und das Leben von Verwandten, Freunden, Mitarbeitern und der vielen Millionen Menschen in deinem Land ernsthaft bedroht ist.

Das Schlimmste ist die Ungewissheit!!!

Andererseits ist ja einiges gewiss

Du weißt, dein ehemaliges Brudervolk, ein slawischer Staat, in dem ich übrigens geboren wurde und wo ich viele Verwandte habe, hat dein Land angegriffen.

Du weißt, dass die Wahrheit auf unserer Seite ist, denn nicht wir sind Initiator und Vertuscher einer großen Katastrophe

Klar ist, was wir zu tun haben – für unsere Freiheit kämpfen, bis zum Sieg!! Jeder in der Art und Weise, wie es möglich ist, je nach Können und Erfahrung

Und klar ist, worin meine Aufgabe besteht – weiter zu arbeiten, nicht nach Schema, nicht nach Dienstplan, vielleicht unter unsicheren Bedingungen und ohne Bezahlung.

In den ersten Kriegstagen war es besonders beängstigend, immer von meiner Wohnung in den Luftschutzkeller umzuziehen

Als sich herausstellte, dass die zufällig in der Klinik verbliebenen Kollegen nach den ersten 5 Kriegstagen erschöpft und am Ende waren, machte ich – die bereits gewohnt war, in einem kalten Keller zu übernachten – mich auf den Weg zur Arbeit.

Man ist konfrontierte mit banalen Fragen – wie kommt man dorthin, ob es wohl im eigenen Auto geht, was ist mit Benzin!!! Reicht das!! Die Tankstellen funktionieren nicht.

Beim Passieren der Straßensperren sehe ich die vom Krieg veränderten Straßen

Glücklicherweise weigerte sich meine Freundin Tatjana, die auch meine Kollegin ist, rundweg, mich alleine fahren zu lassen. Das gab mir Kraft und Mut. Obwohl wir, von außen gesehen zwei Mädels in einem Kleinwagen, um es milde auszudrücken, sicher keinen sehr bedrohlichen Eindruck machten.

Und hier sind wir, schon den dritten Tag auf unserem Posten!!

Im Übrigen ist das Auftauchen frischer Gesichter in einem Team von Erschöpften auch eine Art Beitrag zum Sieg.

Und auch eine Kollegin abzulösen, Mutter eines kleinen Kindes, die 5 Tage am Stück gearbeitet hat, deren Kind 5 Tage ohne seine Mama war, klar, dass sie nicht allein gelassen wird.

Sobald sich die Gelegenheit ergab, sie nach Hause zu bringen, stürzten wir los

Eine Entbindungsstation lebt immer nach ihren eigenen Gesetzen, auch während eines Krieges.

Geburten gehen weiter. Frauen kommen, Neugeborene wollen in die Welt und sollen warmgehalten werden

Das hält uns alle in Form, hebt die Moral.

Patienten, werdende Eltern, sind nicht nur unsicher, sie sind auch verängstigt. Und unsere zusätzliche Aufgabe ist deren psychologische Betreuung.

In den ersten Kriegstagen wurde für die Entbindungsstation ein Luftschutzbunker hergerichtet, um dort Geburten stattfinden zu lassen und Frauen und deren Neugeborenen beizustehen

In den Luftschutzkeller gehen wir nach Durchsage einer Warnung, die Anzahl der Durchsagen ändert sich täglich. Wir selbst begannen bald ein Gespür dafür zu entwickeln, welche Geräusche von draußen hereindrangen, Granatenbeschuss oder nur Durchfahrt schwerer Technik, wir unterschieden nach Gehör, ob es so weit war, in Deckung zu gehen.

Am schwierigsten ist es, wenn der Moment der Evakuierung mit dem Augenblick einer Geburt zusammenfällt.

Auch der Ablauf in der Versorgung der Frühchen muss planmäßig verlaufen

An einem Tag musste ich bei drei Geburten mit anschließender Evakuierung dabei sein.

Bei der ersten Geburt, gegen 23.00 Uhr, benötigte das Kind nach der Geburt primäre Reanimationsmaßnahmen, diese Prozedur ist auch in Friedenszeiten nicht einfach. Und in dem Moment, als das Luftschutzsignal ertönte, musste ich Entscheidungen über die Festlegung von Prioritäten treffen. Dem Kind musste geholfen werden, korrekt, effizient, währenddessen die eigene Sicherheit nicht vernachlässigen, um gemeinsam und rechtzeitig den Luftschutzkeller zu erreichen.

Hauptsache ruhig bleiben! das hat mir mein Beruf beigebracht!!

Das Neugeborene wurde im Keller weiter therapiert. Zum Glück hatten wir alles vorbereitet – die Möglichkeit einer Sauerstofftherapie und Unterstützungsmaßnahmen zur Atmung. Alle waren bereit zu helfen. Auch der bei der Geburt anwesende Vater war in den Prozess eingebunden. Und durch unsere gemeinsamen Anstrengungen konnten wir das Baby stabilisieren!!!

Am nächsten Morgen Geburt und wieder Alarm.

Dieses Mal wurde das Baby gesund geboren, aber es verbrachte die ersten Minuten seines Lebens nicht auf der Brust seiner Mutter, sondern auf der Brust seines Vaters (skin-to-skin ist eine obligatorische Maßnahme nach der Geburt), das machten sie bereits im Keller.

Und die nächste Geburt am selben Tag endete mit einer Sirene, zu diesem Zeitpunkt war das Baby bereits gesund geboren und glücklich bei seiner Mutter. Doch der frischgebackene Vater musste mit ihm in den Keller, weil die Hebammen und Gynäkologen die Mutter noch versorgen mussten.

Ich glaube, dass Lachen hilft, Angst zu überwinden, also lache ein wenig über mich selbst. Wir Ärzte sind abergläubisch. Meine Kollegen bemerkten, dass meine Anwesenheit bei allen Geburten mit Luftschutzalarm endet, ein schlechtes Omen)) und schlugen vor, wie wir Mediziner sagen, die ‚arbeitenden Hände zu wechseln‘, dh das nächste Mal jemand anders die Geburt machen zu lassen.

Aber ich fand, wie man sagen würde, das Positive in dieser Situation. Mit jeder weiteren Geburt wurde es einfacher und die Kinder brauchten keine Hilfe mehr, sondern nur meine Einschätzung ihres Zustands nach der Geburt und der Geburtssituation

Heute ist der dritte Tag unseres Dienstes mit meiner Freundin Tatjana, Dauer unbekannt.

Der Beschuss, dessen Lärm durch das Fenster dringt, ist heute leider häufiger, lauter und näher geworden.

Oder vielleicht kommt es uns nur so vor

Heute Morgen drei Mal Luftschutzalarm

Außerdem musste eine Frau mit Zwillingen per geplantem Kaiserschnitt entbunden werden

Wie schwierig es war, ein ruhiges Zeitfenster zu finden…

Aber wir haben es geschafft.!!!

Heute um 12.00 Uhr und 12.01 Uhr wurden – unter dem bedrohlichen Geräusch von Granateneinschlägen draußen – zwei gesunde, ausgetragene Jungen mit den wunderbaren Namen Andrej und Artjom geboren

So sehen unsere Arbeitstage aus in unserem jetzt verändertem Leben.

Ruhten uns nachts aus, es war aber nicht einfach

Bombenangriffe und Alarm den ganzen Tag. Am Abend schlugen Granatsplitter in das Fenster ein, in dem die Eltern der Zwillinge untergebracht waren, die gestern durch Kaiserschnitt entbunden wurden

Die Mutter war nach der Narkose noch sehr benommen und ist sehr verängstigt. Sie weigerte sich deshalb, nach der Entwarnung aus dem Keller nach oben in ihr Zimmer zu gehen

So mussten wir eine Hebamme mit ihr dort unten lassen, zur Beobachtung.

Morgens sah ich, dass die Hebamme im Keller ein bisschen zur Ruhe kommen wollte, so weit es ging, sie hatte zwei Stühle zusammengerückt

Die Eltern der Zwillinge sind durcheinander. Sie bestanden auf vorzeitiger Entlassung. So früh nach der Entbindung schicken wir Kinder für gewöhnlich nicht nach Hause

Wie sich herausstellt, ist es bei ihnen zu Hause etwas ruhiger

Und unsere Klinik steht direkt an der Frontlinie

2 Gedanken zu „Krieg in Europa“

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