Natürlich ist es schwer, in einem anderen Land zu sein, wenn die Heimat mit Blut überschwemmt wird 

Hier ist die Geschichte meines Lebens. Mein Name ist Inna. Ich wurde in der Ukraine, in der Stadt Winnyzja, geboren. Ich habe einen jüngeren Bruder. Meine Eltern waren Ingenieure. Als ich 3 Jahre alt war, zogen wir in ein Dorf in der Nähe von Winnyzja. Meine Großeltern lebten dort. Hier bin ich zur Schule gegangen. Ich habe auch auf dem Bauernhof mitgeholfen. Wir hatten Hühner, Gänse, Schweine, meine Großmutter hielt eine Kuh. Mir machte es Spaß, mit Beeten zu arbeiten, verschiedenes Gemüse und Blumen zu pflanzen.  

Nach dem Abitur begann ich zunächst eine Ausbildung an der Landwirtschaftlichen Fachschule, danach absolvierte ich die Landwirtschaftliche Universität der Stadt Winnyzja. 

Mein Leben verlief wie das aller anderen. Ich habe studiert, neue Menschen kennengelernt. Ich lernte viel Neues. Von einem Tag auf den anderen jedoch änderte sich mein Leben dramatisch. Eines Abends fuhr ich bei Freunden im Auto mit. Plötzlich blendete mich riesiges Licht und dann folgte ein Schlag. Als ich zu mir kam, lag ich im Krankenhaus. Mein ganzes Gesicht war einbandagiert. Meine Hände. Meine Beine. Ich hatte solche Angst, in einen Spiegel zu schauen. Ich dachte wirklich, das wäre das Ende. Aber alle haben mich in jeder Hinsicht unterstützt, besonders meine Freundin. Schritt für Schritt. Jeden Tag erwachte ich neu zum Leben. Weißt du, was ich wirklich mag, ist Regen. Ich liebe es, im Regen zu sein, ich habe mich seitdem immer über den Regen gefreut und im Regen geweint. Denn im Regen sieht man meine Tränen nicht. 

Das Leben wurde allmählich besser. Ich fing an zu arbeiten. Ein Auge jedoch heilte nicht mehr. Mit der Zeit lernte ich meinen zukünftigen Ehemann kennen. Er liebte mich so, wie ich bin. Wir bekamen einen Sohn und später eine Tochter. 

Wir haben ein kleines Wochenendhaus, in dem ich mit meinen Kindern fast den ganzen Sommer verbrachte. Dort ist es sehr schön und ruhig, und obwohl man dort körperlich arbeitet, ruht die Seele aus. 

Ich will ehrlich sein. Dieser Unfall hat mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Trotzdem rechnete ich nicht damit, dass noch etwas viel Schrecklicheres passieren würde. So vergingen die Jahre wie im Flug. Die Kinder wurden größer. Kamen in die Schule, lernten. Das Leben ging weiter. Wie du ja weißt, begann dieser Krieg im Jahr 2014, als russische Truppen auf der Krim und im Osten der Ukraine einmarschierten. Er dauert schon acht Jahre. Krieg ist das Schrecklichste auf der Welt. Aber damals machten wir weiter und passten uns scheinbar an die Situation an. 

Der Morgen des 24. Februars 2022 hat das Leben des ukrainischen Volkes auf den Kopf gestellt. Eine Freundin rief mich an und sagte: „Inna, es ist Krieg!“ Die Zeit blieb tatsächlich schlagartig stehen. Es verschlägt einem die Sprache. Man weiß nicht, was man tun soll. Es lässt sich nicht in Worte fassen. Jeden Tag mehrmals täglich Sirenengeheul. Und ständig Angst. Angst um die Kinder. Angst vor dem, was als nächstes passieren wird. Du hörst Nachrichten und kannst nur weinen, Hörst, wie mein Volk stirbt. Dass russische Orks* Frauen und Kinder gnadenlos misshandeln. Sie fesseln ihre Hände und erschießen sie. Sie vergewaltigen Kinder. Und Frauen. Und dann töten sie sie nach der Folter.  

* Im neuen Sprachgebrauch heißen die Soldaten der russischen Armee nur noch „Orks“, wie die bösen, teuflischen Gestalten aus den alten Sagen, die durch Tolkiens „Herr der Ringe“ weltweit bekannt wurden – “plündernde Banden unmenschlicher Wesen und willige Vollstrecker des Bösen“. 

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ork 

Wie viel Grausamkeit und Bosheit diese Unmenschen in sich haben. Und vor allem, weswegen? Die Menschen begannen, die Ukraine zu verlassen. Und ich beschloss, auch zu flüchten. Aus Angst um die Kinder. 

Am 5. März verließen wir unsere Verwandten, unser Zuhause, wir kamen um ein Uhr morgens an die Grenze zu Polen, wir standen fast sechs Stunden an, es war sehr kalt, die Kinder froren und wir überquerten die Grenze erst morgens. In Polen wurden wir auf die Aufnahmestellen verteilt. Wir verbrachten eine Nacht in einem dieser Zentren. Die Polen haben uns sehr gut behandelt. Es gab reichlich zu essen.  

Ehrlich gesagt, weiß ich nicht warum, aber wir entschieden, nach Berlin zu gehen. Wir wussten nicht, was uns erwartet und was als nächstes passieren würde. Wir kamen in Berlin an, wieder an einem dieser Orte, wo wir von Freiwilligen empfangen wurden. Wir wurden gebeten zu warten und sagten, dass uns jemand abholen würde. 

Sie sagten, dass eine Familie uns aufnehmen möchte. Ungefähr nach einer halben Stunde kam Frank. Wir wurden sehr gut empfangen. Frank hat eine wundervolle Familie. Sie haben uns bei allem geholfen. Sie haben uns ein Zimmer gegeben. Sie haben uns Kleidung und Essen gekauft. Wir sind ihnen unendlich dankbar. Frank hat uns eine Wohnung gegeben. Uns geholfen. Er ist ein sehr guter und freundlicher Mensch. Und wir sind ihm nicht nur dafür dankbar.  

Wir sind Frank auch dankbar, dass er uns seinen Kollegen Roger und dessen Bekannte Julia vorgestellt hat. Roger ist ein Mensch mit großem Herzen. Roger hilft uns sehr, bei allem. Ich möchte unbedingt Julia danken. Julia stand uns bei, als wir es am meisten brauchten.  

Und ich möchte Deutschland Danke sagen. Wir sind Deutschland dankbar, dass es uns in einer für uns schweren Zeit aufgenommen hat.  

Natürlich ist es schwer, in einem anderen Land zu sein. Wenn die Heimat mit Blut überschwemmt wird. Mit Schreien und Tränen. Jeden Tag schmerzt meine Seele, trauert um das Heimatland. Das Land, in dem ich geboren wurde. Lebte. Wo meine Erinnerungen zurückblieben. Meine Eltern, Verwandten. Aber die Unterstützung unserer deutschen Freunde zeigt uns, dass wir nicht allein sind, sie geben uns die Chance, glücklich und selbstbewusst zu sein. 

Wie kannst du nur so etwas Schreckliches sagen!

Mohnblumen blühen als erste auf den Schlachtfeldern dieser Welt.

Telefonat einer jungen Ukrainerin mit ihrer Tante in Russland

„Hallo Tantchen, wie geht es dir, wie geht es den Kindern?“

„Oh, uns geht es gut! Deine Cousine geht wieder arbeiten, der Kleine ist jetzt im Kindergarten. Er macht sich prächtig. Seine beiden Schwestern gehen in die Schule, alles ist bestens.“

„Das ist schön zu hören. Meine Kinder können ja nicht in den Kindergarten, weil …“

„Ja, Kindchen, warte nur noch ein bisschen, dann kommen Unsere! Die russische Armee befreit euch bald von den Banditen!“

„Tante, das sind keine Befreier! Die werfen Bomben auf uns, beschießen uns! Wir haben Angst, ich und die Kinder! Wie würdest du dich fühlen, wenn deine Tochter und deine Enkel von der ukrainischen Armee beschossen werden würden?“

„Wie kannst du nur so etwas Schreckliches sagen, uns so etwas wünschen! Was bist du für ein furchtbarer Mensch! Aber so seid ihr Ukrainer – Unmenschen seid ihr, Unmenschen!“

Nie wird ein Russe dem Ukrainer ein Bruder sein …

Gedicht von Anastasia Dmytruk

Übersetzung von Ira Bogovic

/

Niemals werden wir Brüder sein!
Nicht durch Heimat, nicht durch Geburt.
Euer Geist ist nicht geschaffen, frei zu sein –
nicht mal als Halbgeschwister seid ihr gut genug.
Als Brüder nennt ihr euch die „älteren“ –
wir sind gern die jüngeren, aber nicht die euren.
Ihr seid so viele, jedoch alle gesichtslos.
Ihr seid groß, wir jedoch großartig.
Ständig bedrängt ihr uns … könnt es nicht lassen,
bis ihr an eurem Neid erstickt.
Freier Wille ist euch unbekannt,
werdet schon als Kinder in Ketten gelegt.
Bei euch zu Hause ist „Schweigen – Gold“
wir aber werfen Molotow-Cocktails,
ja, in unseren Herzen fließt heißes Blut,
wie könnt ihr Blinden unsere „Verwandten“ sein?
Wir alle haben furchtlose Augen,
sind auch als Unbewaffnete furchteinflößend.
Sind erwachsen geworden und tapfer
unter den Zielfernrohren von Scharfschützen.
Sind in die Knie gezwungen worden –
und sind wieder aufgestanden und haben alles gerichtet.
Vergebens werden sich die Ratten verstecken und beten –
in Blut werden sie baden, in ihrem eigenen.
Ihr gehorcht immer neuen Befehlen –
wir entfachen ein Feuer der Rebellion.
Ihr habt euren Zar, wir haben Demokratie.
Niemals werden wir Brüder sein.

https://dmytruk.com.ua/nykohda-myi-ne-budem-bratyamy/

Vertonung des Gedichts als Video:

„Ich schreibe ihr weiter, immer wieder – obwohl sie seit dem ersten Kriegstag offline ist“

Gespräch in einer Flüchtlingsunterkunft

Augenzeugenbericht von Natascha, Gebiet Charkiv. Jetzt im Flüchtlingsheim in Nordschleswig/Sønderjylland.

„Wir wohnten in einem Dorf bei Charkiw, hatten eine kleine Schweinefarm.

Als der Krieg begann, waren Charkiw und Umgebung sofort unter Beschuss. Nach einer Weile hatten wir uns einigermaßen an den Bombenalarm und die Geräusche der Granateneinschläge gewohnt.

In der Nacht unserer Flucht jedoch traf es unser Dorf. Ein Dorf! Dort war kein Militär oder ein wichtiges Objekt oder so. Einfach ein Dorf. Ich konnte es nicht glauben.

Die Einschläge waren ganz dicht, ich hatte Angst, es war laut. Ich legte mich mit den beiden kleinsten Kindern auf den Teppich, mit meiner vierjährigen Tochter und meinem einjährigen Sohn. Der Kleine war unruhig und ich deckte ihn mit meinem Morgenmantel zu. Wir waren ja im Schlafanzug alle, es war ja mitten in der Nacht. Auch meine Tochter nahm ich unter den Morgenmantel, weil plötzlich das Fenster splitterte und die Glasscherben auf uns drauffielen.

Nach der Explosion schüttelte ich, so gut es ging, die Scherben ab und trug meine Kinder auf dem Arm, damit sie nicht in die Glassplitter traten und sich verletzten.

Ich war wie betäubt, schlich vorsichtig zum Fenster, weil es da draußen brannte und ich wissen wollte, ob wir schnell aus dem Haus raus müssen.

Es hatte das Nachbarhaus getroffen, es brannte an allen Ecken, das ganze Haus war umgeben von riesigen Flammen. Alles verbrannte dort, und ich wusste, darin war meine liebe Nachbarin, schwanger im 5. Monat, und ihr kleines Mädchen. Sie sind verbrannt und ich musste zusehen. Dieses Bild werde ich nie vergessen, wie ein Film läuft es wieder und wieder in meinem Kopf.

Mein Mann kam angerannt, wir haben uns zugerufen, dass wir hier wegmüssen. Dann sind wir ins Auto gestiegen und losgefahren. Ich sagte zu ihm, fahr so weit weg, wie es geht.

Anmerkung der Verfasserin: Ukrainische Männer im Alter zwischen 18 und 60 dürfen seit dem 1. Kriegstag das Land nicht verlassen. Die Ausreise wird jedoch gestattet, wenn die Familie mehr als drei Kinder hat oder ein pflegebedürftiges Familienmitglied.

Wir fuhren durch Polen und ich sagte zu ihm, fahr weiter. Weiter, weiter weg.

So sind wir nach Dänemark gekommen. Erst in ein anderes Flüchtlingslager und jetzt in dieses hier.

Als wir nach unserer Ankunft hier das erste Mal mit den Kindern raus gingen, roch die Luft nach Landwirtschaft. Ich atmete tief ein und aus, dachte an unser Zuhause und die Farm und sagte meinem Mann, hier ist es gut, hier können wir bleiben. Ich hoffe sehr, dass wir wieder auf einer Schweinefarm arbeiten können, das wollen wir gerne.

Es ist natürlich schwer, so weit weg von Zuhause. Meine Patentante, die liebe ich über alles. Wir schrieben uns immer über Viber. Aber gleich am ersten Tag nach Kriegsbeginn verschwand sie aus dem Chat. Sie ist offline seit dem 25. Februar. Ich weiß nicht, was mit ihr ist. Aber ich schreibe ihr immer weiter, immer wieder. Obwohl sie offline ist. Ich schreibe ihr, weil ich sie damit am Leben erhalte.“

Ich weiß, dass nach der tiefsten Dunkelheit das Licht immer seinen Weg findet

Eine 25-jährige Medizinstudentin aus Lviv erzählt mir von ihrem Leben nach der Flucht.

Wann bist du nach Dänemark gekommen?

Ich kam am 16. März nach Dänemark.

Warum Dänemark?

In Dänemark habe ich Familie und Freunde, die mir in einer so schwierigen Zeit geholfen und mich und meine Mama unterstützt haben!

Welche Gefühle verbindest du mit deiner Flucht?

Ganz unterschiedliche. Unruhe, Sehnsucht nach den verbliebenen Angehörigen, die ständige Angst um sie, um unsere Heimat, um unser Land! Das Gefühl, von zu Hause weggelaufen zu sein, wo wir doch im Heimatland etwas Gutes tun könnten. Aber wir versuchen, unseren Landsleuten zumindest aus der Ferne zu helfen!

Was waren für dich die wichtigsten Momente des letzten Monats?

Ich empfinde große Dankbarkeit für die Hilfe, Unterstützung und Fürsorge von Seiten der Dänen, sie ist jetzt sehr wertvoll und notwendig.

Wie geht es dir emotional?

Es ist schwierig, du wechselst ständig zwischen zwei Situationen. Wenn du zu Hause anrufst und dort alles schlecht ist, und dann wieder erinnerst du dich, dass du hier bist und alles ist gut. Es ist auch sehr schwierig, sich selbst zu motivieren, sich dazu zu zwingen daran zu glauben, dass alles gut wird!

Was hilft dir, mit der Situation umzugehen?

Menschen, ihre moralische und praktische Unterstützung, ihre Fürsorglichkeit. Und auch die eindrucksvollen Landschaften in Dänemark.

Welchen Schwierigkeiten siehst du dich gegenüber?

Zunächst einmal die Sprachbarriere. Ich möchte Dänisch lernen, um mit diesen unglaublich tollen, dich anlächelnden Menschen kommunizieren und sie verstehen zu können!

Was glaubst du, was bringt die Zukunft?

Ich weiß, dass nach der tiefsten Dunkelheit das Licht immer seinen Weg findet, ich verliere also nicht den Mut! Ich glaube daran, dass sich alles zum Besseren wenden wird!

Wo siehst du dich in fünf Jahren?

Das ist jetzt schwer zu beantworten. Auf der einen Seite will ich natürlich nach Hause. Andererseits sehe ich hier in Dänemark großartige Perspektiven für mich.

Wie würdest du am liebsten deinen nächsten Geburtstag feiern?

Mit meiner ganzen Familie und als großes, rauschendes Fest!

Die bärtige Katzenmama

„… der Wind in der Ukraine weht gerade sehr stark und kalt. Aber es wird nicht immer so sein. Und wo Liebe ist, da ist immer genug Wärme, damit die menschliche Seele gedeihen kann.“

Marina Lewycka in „Eine kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“

Stell dir vor, du siehst toll aus, bist Schauspieler, hast Erfolg, trittst in TV-Shows auf, wirst verehrt von deinen Fans. Du hast ein Leben voller Glamour und Stil. Du lebst in der Moderne und genießt die Annehmlichkeiten der neuen Reichen. Das Leben ist schön. Wenn alles so bleiben würde, wie es jetzt ist, könnte es nicht besser sein.

Quelle: Screenshot Instagram Account @surovtsev.alexei vom 22.4.22

Dann kommt ein Tag, der alles verändert. Es ist nicht deine Schuld. Du hast es nicht kommen sehen. Dein schönes Leben ist vorbei. Du stehst vor der Frage, wie um alles in der Welt es weitergehen soll …?! An diesem Punkt im Leben eines Menschen zeigt sich der wahre Charakter, das wahre Ich eines Jeden.

Beeindruckend, wenn dann ein Playboy und Superstar zu einem Helden wird, zu einem echten Helden, der den auf der Leinwand in den Schatten stellt.

Der ukrainische Schauspieler Alexei Surovtsev ist so ein Mensch. Als der Krieg in seinem Heimatland begann, entschied er sich gegen eine Flucht, um eine sehr emotionale und persönliche Mission zu vollbringen: Alexei rettet verwaiste Haustiere aus den Trümmern der zerbombten Häuser. Er hat ein privates Tierheim eingerichtet und versorgt die verletzten und verängstigten Tiere.

Quelle: Screenshot Instagram Account @surovtsev.alexei vom 22.4.22

Jeden Tag aufs Neue setzt er sich ins Auto und fährt durch seine zerstörte Heimat auf der Suche nach den Vierbeinern.

Quelle: Screenshot Instagram Account @surovtsev.alexei vom 22.4.22

In seinem Instagram-Account @surovtsev.alexei nennt er sich „Bärtige Katzenmama“, erzählt er über seine Rettungsaktionen und macht auf seine Mission aufmerksam. Gleichzeitig forscht er auf diesem Wege nach den Besitzern der Tiere oder findet ein neues Zuhause für seine geretteten Schützlinge.

Quelle: Screenshot Instagram Account @surovtsev.alexei vom 22.4.22

Eine erzählenswerte und inspirierende Lebensgeschichte!

Das fand auch exxpress.at und veröffentlichte ein Video und einen Artikel über Alexei, die wir gerne mit euch teilen:

Video:

Artikel:

https://exxpress.at/unser-held-des-tages-alexei-rettet-vierbeiner-aus-den-kampfzonen-der-ukraine/

Heinrich Heine sagte über Polen …

„Wenn Vaterland das erste Wort des Polen ist, so ist Freiheit das zweite.“

Heinrich Heine in „Reisebilder“

Daran erkennt man den genialen Dichter – wenn seine Worte noch Jahrhunderte später zutreffen. Dieser Tage in der polnischen Hauptstadt bestätigen sie sich auf das Offensichtlichste.

Wie die polnische Bevölkerung ihre vom Krieg vertriebenen ukrainischen Nachbarn aufnimmt, ist vorbildlich und verdient Respekt! Sie unterstützen den Kampf der Ukraine um ein freies Vaterland auf jede denkbare Weise.

Im Erstaufnahmelager in Dänemark berichteten geflüchtete Frauen gerührt, wie warmherzig und großzügig sie im Nachbarland Polen von den Freiwilligen empfangen worden sind.

„Es gab warmes Essen, drei Mal am Tag. Sogar ukrainischen Borschtsch.“

„Immer fragten sie uns, ob wir etwas brauchen würden und rannten dann los, um es zu holen.“

„Sie brachten uns stapelweise frische Handtücher und Bettwäsche, putzten und wischten die Unterkünfte mehrmals am Tag.“

„Ihre Hilfsbereitschaft war einfach großartig!“

Ich will es noch genauer wissen und frage die Familie eines Bekannten aus Deutschland, welche vor ein paar Tagen Warschau besuchte, was sie uns über die Situation erzählen könne. Sie bestätigen, dass es in Warschau eine große Anzahl von Vertriebenen aus der Ukraine gibt, die überwiegende Mehrheit sind Frauen und Kinder. Sie werden in Polen mit offenen Armen empfangen.

Die Aggression Russlands hat alte Ängste geschürt, die das polnische Volk motivieren, alle diejenigen in Polens Nachbarstaaten zu unterstützen, die für Freiheit und Unabhängigkeit alles riskieren. „Alle für einen, einer für alle!“, zitierte unser Bekannter.

Das Klima in der Stadt sei freundlich, solidarisch, sehr angenehm, sehr motivierend. Die Warschauer zeigen, auf wessen Seite sie in diesem täglich immer brutaler werdenden Krieg steht. Die Stadt ist gekleidet in die ukrainischen Nationalfarben blau und gelb.

Foto: privat. Warschau, April 2022.

Überall finden Ausstellungen ukrainischer Künstlerinnen und Künstler statt. Täglich eröffnen Cafés und Restaurants, die ukrainische Speisen anbieten. Überall – auf Gebäuden, Autos, Bussen – sind die ukrainischen Nationalfarben blau und gelb zu sehen, der Satz „Slava Ukraini, gerojem slava!“ / „Ruhm der Ukraine, Ruhm den Helden!“ ist zum gängigen Gruß- und Unterstützungsslogan geworden.

Foto: privat. Warschau, April 2022. Auf dem Banner in den ukrainischen Nationalfarben der Slogan „Slava Ukraini! Gerojam slava!“ / „Ruhm der Ukraine! Ruhm den Helden!“

Die Integration der neuen Mitbürger läuft sehr gut, die Vertriebenen erhalten sofort eine Aufenthaltserlaubnis für 3 Jahre, die eine Arbeitserlaubnis einschließt. Für die ukrainischen Vertriebenen ist des Weiteren die medizinische Betreuung, und auch die Nutzung aller öffentlichen Verkehrsmittel kostenlos. Unser Bekannter ist der Meinung, dass Polen davon nur profitieren kann, in der Mehrheit gut ausgebildete, europäisch gesinnte Neuankömmlinge aufzunehmen. „Nicht nur Polen, Europa wird davon profitieren“, sagt er.

Foto: privat. Warschau, April 2022. Auf dem Schild steht in ukrainischer Sprache: „Öffentliche Verkehrsmittel sind für Menschen mit ukrainischem Pass kostenlos.“

Eine Solidaritätsbekundung in Warschau hat die Familie aus Deutschland besonders beeindruckt. Auf dem Platz vor dem Gebäude des Kulturpalastes steht in großen Buchstaben das Wort „DETI“ (Kinder) geschrieben.

Foto: privat. Warschau, April 2022. Aufschrift „DETI“ vor dem Warschauer Kulturpalast.

Warschau gedenkt damit an den Schriftzug vor dem Theater im südukrainischen Mariupol, in das sich Tausende schutzsuchende Frauen und Kinder geflüchtet hatten, in der Hoffnung, die Aufschrift „Kinder“ würde die russische Armee davon überzeugen, dieses nichtmilitärische Objekt zu verschonen. Vergebens – das Mariupoler Theater wurde komplett zerstört, viele hunderte Kinder und deren Eltern getötet:

https://www.sueddeutsche.de/kultur/theater-mariupol-krieg-in-der-ukraine-1.5549326

In Warschau, so unser Bekannter, hört man an jeder Ecke ukrainisch oder russisch sprechende Menschen. Ich hake nach – stören sich die Polen oder manche Ukrainer daran, wenn jemand russisch redet? Nein, überhaupt nicht. Russisch ist eine Verständigungssprache, wie Englisch auch.

Allerdings weiß man auch, wer der Verursacher der Aggression ist und wie er heißt. Vor ihm wird an vielen Orten in Warschau gewarnt:

Foto: privat. Warschau, April 2022. Plakate an einer Bahnunterführung.

Warum die Ukrainer jetzt die Wörter „russland“, „russische föderation“ und „putin“ klein schreiben

Menschen im Krieg – Ira berichtet von ihrer Freundin in der Ukraine

Chat- und Telefonprotokoll mit meiner ukrainischen Freundin Natalie. Wir haben 1989/90 zusammen in Dnipro studiert und uns das Zimmer im Wohnheim geteilt. Wir kennen uns eine Ewigkeit und haben unseren Kontakt immer aufrechterhalten.

Wenn ich ihr nun schreibe und sie frage „Alles gut?“, meine ich eigentlich „Lebst du noch?“.

22. Februar 2022 (Putin erkennt die Separatistenrepubliken an)

Hallo Nataschenka, wie geht es dir, wie deinen Eltern? Alles gut bei euch, alles ruhig bisher? In den Nachrichten bringen sie beunruhigende Meldungen! Kuss 💋

Hallo! Bei uns ist alles normal. Vorerst. Wie es weitergeht, dass weiß allein Putin. Donezk ist von uns ja nur 230 km entfernt.

Den Eltern geht es so einigermaßen. Sie haben ständig gesundheitliche Probleme, mal dies, mal das. Papa hat schon die dritte Chemotherapie bekommen.

24. Februar 2022 (Überfall Russlands auf die Ukraine)

Nataschenka, habe die Nachrichten gehört. Bin sprachlos. Der Moskauer Lord Voldemort will uns alle in seine Farm der Tiere sperren. All unsere Gedanken und unsere Herzen sind bei euch!  ♥️ 💙💛💙💛

Danke! Lass uns abends telefonieren.

Im Telefonat erzählt meine Freundin mir, dass sie morgens fünf Uhr von den überfliegenden Kampfflugzeugen der russischen föderation geweckt wurde. Der Schock war groß.

Die Familie, Eltern, Bruder mit Frau und Kind, meine Freundin trafen sich, um zu beraten, was zu tun sei. Es wurde eingekauft und für die kranken Eltern Medikamente besorgt.

Beim Einkaufen waren einige Lebensmittel-Regale schon ziemlich leergefegt, bis auf ein Käseregal, dort stapelte sich Ware, die keiner kaufte. Meine Freundin erklärte mir, dass es eigentlich Käse aus ukrainischer Produktion war, den man gut hätte nehmen können. Er blieb liegen, denn auf der Packung stand „Russischer Käse“.

Chat ab dem 25. Februar 2022

Nataschenka, guten Morgen, seid ihr ok?

Die Nachrichten sagen, dass Saporischschja unter Beschuss ist…

Guten Morgen!

In der Stadt Saporischschja selbst ist es ruhig, gemeint ist die Region Saporischschja.

Melitopol ist unter Beschuss.

Wenigstens seid ihr ok. Wir bleiben in Verbindung, Kuss! 💋

Nataschenka, meine Liebe, alles ok??

Hallo! Weiß gar nicht, was ich sagen soll. Habe Angst. Gestern Abend haben sie Bombenalarm gegeben, 9 Uhr morgens war Entwarnung, 10 Uhr bekamen wir wieder die Aufforderung „alle in die Luftschutzkeller“.

Draußen ist es ruhig, aber im Vorort Chortyzja (das ist eine Insel in der Stadt) haben sie ein Flugzeug der russischen föderation abgeschossen. Eine Panzerkolonne bewegt sich Richtung Primorsk, Berdjansk.

Er* hat damit gerechnet, dass die Leute hier auf seine Seite überwechseln, wie 2014 in Donezk. Aber alle leisten Widerstand.

* gemeint ist putin

Ja, aus Dänemark fahren alle jungen Männer nach Hause, um zu kämpfen.

Man sammelt Geld. Ganz Europa steht auf eurer Seite!

Putler hat sich verrechnet.

Ja. Wenn die Weltpolitiker nachdrücklichere Maßnahmen ergreifen würden …

und nicht immer nur „besorgt“ wären.

Das Problem ist bekannt, das hat uns schon immer bestürzt.

Aber hier ist überall russisches Geld im Spiel, ohne das überlebt Berlin nicht einen einzigen Tag.

Das ist bitter.

Ich versuche, mich irgendwie abzulenken. Habe Suppe gekocht, Müll rausgebracht. Aber der Fernseher läuft, auf allen Kanälen ist ein und derselbe Nachrichtensender zu sehen, die bringen 24 Stunden news.

Hallo Nataschenka, wollte nur wissen, wie es euch geht. Alles gut, alle wohlauf? Haltet ihr durch? Kuss, Kuss, Kuss

Danke dir, alles ist ok. Heute waren wir 3 Stunden in einem Nachrichtenloch. Habe Mama zur Apotheke gebracht, waren einkaufen. Habe mit meinen Kollegen telefoniert, dann mit unseren Freundinnen aus Studienzeiten, die in Moskau leben.

Gestern ist bei uns in der Nähe eine Detonation gewesen … Der ganze Stadtbezirk wurde davon wach.

Nataschenka, wie geht es bei euch? Wie ist die Lage, die Stimmung?

Danke Irotschka, heute geht es einigermaßen, einmal hatten wir Bombenalarm. Sind zu Hause.

Gestern trafen die Raketen die Fabrik Mig Remont (eine Fabrik, die Flugzeugmotoren repariert) und die Lagerhallen von Motor Sitsch.

Die Stadt bereitet sich auf die Verteidigung vor.

Euch allen Kraft und Mut! Ihr seid die Besten!

Meine Liebe, haltet ihr durch? Alles gut?

Hallo! Wir halten durch. Aber das alles wird immer schrecklicher.

Nach dem Angriff auf das Atomkraftwerk in Saporischschja am 04.03.2022

Ist bei euch alles ruhig? Nach dem gestrigen Überfall?

Ruhig. Wenn man das so sagen kann.

Alle sind extrem nervös, beunruhigt.

Habt ihr schon russische Truppen in der Stadt?

Nein, aber sie sind schon im Umland.

Hallo Nataschenka, alles ok? Ich schicke dir für alle Fälle die Informationen der Deutschen und Dänen für ukrainische Flüchtlinge. Alle nehmen Flüchtlinge aus der Ukraine auf, alle helfen.

In unserer Stadt gibt es eine Helfergruppe, dort stellen Leute Unterkunft und Essen zur Verfügung. Vielleicht hilft diese Information jemandem. Kuss!

Wenn du Zeit hast, lass uns telefonieren.

Im Telefonat erklärt mir meine Freundin, dass sie auf keinen Fall ihre kranken Eltern im Stich lassen wird und bleibt. Sie hofft darauf, dass der ganze Spuk bald zu Ende sein wird.

Ihr helfen die Telefonate mit uns Freundinnen. Sie findet, die moralische Unterstützung ist gegenseitig – sie beruhigt uns und wir stärken sie, sie stärkt uns und wir beruhigen sie.

Ich frage sie, was dran ist an den Behauptungen, dass die Ukraine voll von Nazis sei. Sie sagt, dass es zwar eine ultra-rechte Partei gäbe, diese aber bei den letzten Wahlen nur ganz wenig Stimmen erhielt, weniger als 3%.

Es ist einfach so, dass manche Ukrainer mit der russischen Sprache aufgewachsen sind und es nun mühsam finden, dass sie Ukrainisch lernen sollen. Deshalb regen sie sich über die „Nationalisten“ auf.

Und dann amüsieren wir uns über die russische Propaganda, die verbreitet hat, dass die Ukraine gezielt verseuchte Vögel nach russland fliegen lässt, damit diese mit ihrem Kot die russische Erde ruinieren und kontaminieren.

Natalie lacht: „Wir haben unsere ukrainischen Vögel extra so trainiert, dass sie erst anfangen zu scheißen, wenn sie auf russischem Territorium sind!“

Hallo du, wie war die Nacht? Wie geht es dir?

Hallo, die Nacht verlief ruhig, die vorige war stressig, von 2 Uhr nachts bis 11 Uhr Bombenalarm. In der ganzen Ukraine. Die Luftabwehr aktiviert sich, wenn irgendwo eine Rakete startet.

Diesmal flog sie nach Lviv, 20 km von Polen entfernt, auf einen Militärflugplatz.

Manchen Raketen werden von Unseren vom Himmel geschossen.

Gerade ist alles ruhig. Mache Homeoffice, das Internet funktioniert. War mit Papa bei der Therapie.

Jetzt ist wieder Alarm.

Alles gut bei dir? Hast du Zeit zum Telefonieren?

Im Telefonat erzählt Natalie, dass ihr Bruder seine Familie aufs Land evakuiert hat und sich bereithält zum Kampf. Die Eltern haben Angst um ihre Kinder und Enkel.

In der Stadtverwaltung melden sich täglich Menschen, die als Freiwillige gegen die Okkupanten – die „Orks“, wie sie genannt werden – kämpfen wollen. Der Krieg hat die Menschen zusammengeschweißt, aber die Familien auseinandergetrieben.

Um ihre Verachtung zu demonstrieren, werden in allen ukrainischen Nachrichtenmedien und auch sonst von jetzt ab von allen Ukrainern die Wörter „russland“, „putin“, „russische föderation“ usw. mit kleinem Anfangsbuchstaben geschrieben.

Ich finde, dass ich das ab sofort auch so machen werde.

Junge Mutter, Säugling, Kleinkind, Flucht

Alles wiederholt sich

„Alles wiederholt sich.

Auf der Erde lebten schon immer Menschen und Kinder.

Aber die Kinder kommen zu uns. In unsere Welt. Sie wissen nichts über sie, sie kennen überhaupt noch nichts außer den einfachen Worten der Liebe. Sie ähneln mehr Engeln als uns.

Wie ihnen von unserer Welt erzählen? Von ihrer Schönheit und Grausamkeit? Und vor allem – wie sie beschützen vor diesem Wissen?

Wir haben keine Antworten.“

Swetlana Alexijewitsch, Literatur-Nobelpreisträgerin 2015

Aus ihrem Buch „Die letzten Zeugen. Kinder im Zweiten Weltkrieg.“

https://zb-apenrade.lmscloud.net/cgi-bin/koha/opac-detail.pl?biblionumber=43778

Eine junge Mutter.

Auf dem Arm ein Säugling, der noch nicht laufen kann, ein paar Monate alt.

Sein Geschwisterchen, ein Kleinkind, 2-3 Jahre alt, auf klitzekleinen Beinchen unterwegs.

Sie sind auf der Flucht.

Die junge Frau kann nur den Säugling tragen. Kein Arm frei für das Geschwisterchen. Kein Arm frei für Gepäck, für Kindersachen oder -nahrung.

Keine Hilfe in Sicht. Alle sind auf der Flucht. Jeder trägt, was er kann. Kein Arm frei für fremde Kinder. Kein Arm frei für fremdes Gepäck.

Bomben fliegen, Granaten explodieren.

Die junge Mama mit ihren kleinen Kindern hat Angst, aber sie muss stark sein. Ihre Kinder sollen leben.

März 2022

Diese Geschichte passierte einer jungen Frau mit ihren zwei kleinen Kindern, geflohen vor den russischen Bomben auf die Ukraine. Wir trafen sie im März 2022 im Erstaufnahmelager. Sie war fünf Tage unterwegs, trug ihren zehn Monate alten Säugling auf dem Arm und ihr Kleinkind hatte sie an der anderen Hand. Ein Rucksack war ihr Gepäck. Wir nahmen ihr nach diesen fünf Tagen den Säugling ab und wiegten ihn, spielten mit dem Geschwisterchen. Die junge Frau konnte sich ausruhen und etwas essen. Sie war jetzt in Sicherheit.

Juni 1941

Alles wiederholt sich.

Diese Geschichte passierte einer jungen Frau mit ihren zwei kleinen Kindern, geflohen aus Minsk, vor den Bomben der deutschen Wehrmacht. Diese Frau war meine Großmama Maria, meine Babuschka. Sie trug ihren Säugling auf dem Arm und ihr Kleinkind an der Hand. Der Säugling war meine Mutter, im Juni 1941 sechs Monate alt. Das Kleinkind war mein Onkel, im Juni 1941 war er zweieinhalb. Meine Babuschka hatte kein Gepäck bei sich, nur ihre beiden kleinen Kinder.

Beide Frauen hatten Angst, mussten aber stark sein. Ihre Kinder sollten leben.

Sie waren stark. Ihnen gelang die Flucht. Ihre Kinder und sie überlebten.

Die seelischen Narben blieben für immer. Wir können sie in ihren Augen sehen.

Foto: privat. Maria mit ihren beiden Kindern, ein Jahr nach Kriegsende, 1946.

Junge Mutter, Säugling, Kleinkind, Flucht.

Alles wiederholt sich.

Und im Jahr 2022 haben wir immer noch keine Antworten, warum das so sein muss.

Das Reden der Anderen

Heute ein Einblick – natürlich ein subjektiver, denn wir schreiben von Menschen für Menschen, die hören und lesen möchten,

Wie sich alternative Fakten in so manchen Köpfen festgesetzt haben

Eine Familie mit drei Brüdern hat sich zerstritten

Der älteste Bruder einer Familie in Belarus schaut belarusisches und russisches Staatsfernsehen. In einer Diskussion über den Krieg schrie er aufgebracht:

„In der Ukraine machen sie Fackelumzüge wie die Nazis! Ich will, dass Russland diese Nazis verjagt und fertigmacht! Was erzählst du mir da von einem Krieg und erschossenen Zivilisten? Du weißt gar nichts! Ich weiß, was dort läuft, ich habe es im Fernsehen gesehen!“

Die anderen beiden Brüder sind stark solidarisch mit der Ukraine, verurteilen die Aggression aufs Schärfste und finden zur Zeit keinen Weg, mit ihrem ältesten Bruder vernünftig zu kommunizieren.

Einige Deutsche, die offensichtlich alternative Fakten konsumieren, gehören nicht mehr zu unserem Bekanntenkreis.

Chatprotokoll in Facebook mit einem ehemaligen Bekannten aus Deutschland

25. Februar: Ich teile einen Facebook-Post (Übersetzung aus dem Dänischen)

„Solidarität mit der Ukraine … Willst du helfen? Schließe dich dem Boykott an.

LUKOIL (Brennstoff), Husaria (Wodka), Russischer Standard (Wodka), Żytniówka (Wodka), Kaspersky (Cybersicherheit), Dr. Web (Cybersicherheit), Kari (Schuhe), CENTRO (Schuhe), Sierra (Tequila), Carlo Rossi (Wein), METAXA (Branntwein), Rémy Martin (Cognac), Grants (Whiskey), The Balvenie (Whisky), Glenfiddich (Whisky), Tullamore Dew (Whisky) – Vertrieb: CEDC, Old Smuggler (Whiskey), Williams (Whiskey), FAR CRY (Computerspiele) – Vertrieb: CENEGA, Dark Souls (Computerspiele) – Vertrieb: CENEGA, Aeroflot (Fluggesellschaft), NOKIAN (Reifen) – Fabrik St. Petersburg, REXONA (Deos), Dove (Deodorants – bedeutender Teilhaber von Unilever),

ALLE oben genannten Marken gehören russischen Oligarchen. Möchtest du helfen? Boykottiere. Nicht kaufen. Lass sie nicht glauben, dass wir nicht auch auf unsere Weise helfen können.”

Kommentar zu meinem Re-Post

(Rechtschreibfehler aus dem Original übernommen):

Werden die Amerikaner auch boykottiert (Libyen,Irak, Kosovo, Jugoslawien, Syrien etc.pp???) Sind die Menschen im Donbass nichts wert? Diese ewige Russenhetze kotzt mich an.

Meine Antwort:

„Du kannst die Amerikaner gerne boykottieren. Das ist dein gutes Recht. Und der Kommentar mit der Russenhetze ist ja wohl unangemessen. Hast du uns nie zugehört, wenn wir dir etwas darüber erzählt haben?

… Aber recherchiere bitte mal KGB-Offizier Putin und seinen Freund Stasi-Mann Matthias Warning. Das sind die Leute, für die du dich hier gerade einsetzt.“

Antwort:

Ich setze mich für objektive Darstellung des Konflikts ein und lasse mich nicht wie du als verlängerter Arm der westlichen Propaganda instrumentalisieren. Ihr tut ja gerade so, als ob Kiew von Waisenknaben regiert wird.

Meine Antwort:

„Du kannst dich dafür gerne von Putins Propaganda und Russia Today instrumentalisieren lassen. Von Waisenknaben ist nicht die Rede, aber von russischen Bomben auf meine Freunde, die ich seit 30 Jahren liebe, weil es tolle und anständige Menschen sind. Wenn Kiew angegriffen hätte, wäre unsere Diskussion eine andere. Fakt ist, Putin aus Russland führt den Krieg. Punkt.“

Antwort:

Und Freunde von mir in Lugansk werden seit 2014 von Kiew beschossen. Damit ist jetzt Gott sei Dank Schluss!

Und Gott sei Dank kann man in Facebook Kontakte blockieren!

Und sehr gerne hätte ich, dass solche Menschen Amerika boykottieren! Sie sollten vor allem damit beginnen, das von Amerikanern gegründete Facebook nicht mehr zu nutzen, dann bleiben uns diese Kommentare erspart.

Per Sprachnachricht erreichte mich von einer anderen Bekannten aus Deutschland ein Erklärungsversuch, der mich glauben machen sollte, es gäbe doch gar keinen Krieg:

„… das sind doch nur Säuberungsaktionen entlang der Grenze!“

Ich habe mal das Wort „Säuberungsaktion“ im Munzinger-Katalog nachgeschlagen:

„Einer Säuberung zum Opfer fallen; ethnische Säuberung (verhüllend; planmäßige Eliminierung einer oder mehrerer ethnischer Gruppen durch Vertreibung, verbrecherische Militäraktionen, Mord u. Ä.).“

Ja, tatsächlich führt das russische Militär Säuberungsaktionen durch. Aber nicht, wie die Dame glaubt, um ein Land von Terroristen zu „säubern“, sondern von dessen Bewohnern. Also nein, Putin ist nicht Meister Propper und macht alles fein sauber, er mordet, zielgerichtet und rücksichtslos.

Wie der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan in seinem Interview so überaus treffend formuliert:

„Denn dies ist kein Krieg zwischen der russischen Armee und der ukrainischen Armee. Es ist ein Krieg zwischen der russischen Armee und dem ukrainischen Volk. Was hier geschieht, ist ein Völkermord.“

Quelle: https://www.spiegel.de/kultur/literatur/krieg-in-der-ukraine-liebe-europaeer-machen-sie-sich-keine-illusionen-a-62d574fb-97f9-48b4-8d2d-ab763731e476